25. Juli 2016

Short short Story



 Mittagspause


„Wieso gehen Sie hier spazieren, wenn Sie überhaupt niemanden kennen?“. Es war ein Vorwurf, dem er anhören sollte, dass er einer war. „Wegen der Ruhe, der Blumen, der Eichhörnchen, die in den Bäumen umhertollen. Das sind ja wohl genug Gründe.“ Er wurde abschätzig gemustert. Herr Marré war anscheinend kein Naturfreund und hielt ihn wohl für einen Spinner, wenn nicht sogar Verbrecher. Er suchte lieber das Weite, bevor er noch einen Blumentopf an den Kopf bekam.
Es war ein grauer, trübnasser Tag. Nur Blumen, die die Köpfe hängen ließen und kein einziges Eichhörnchen in Sicht. Was machte er also hier? Denken und atmen. Das war es und das konnte er am besten. Vor allem wenn er alleine war. In seinem Büro war er zwar meistens auch alleine, aber dort konnte jeden Moment ein Kollege hereinschneien und ihn mit irgendetwas belästigen, das nicht nur seine Laune vermieste, sondern auch den einen oder anderen guten Gedanken für immer verscheuchte. Er setzte sich auf eine feuchte Bank und schloss die Augen. Denken und atmen. Denken und atmen. Plötzlich tippt ihm jemand auf die Schulter. Er hatte es sich fast schon gedacht: Hilde Kohlbacher. Wie hatte er nur vergessen können, dass das hier ihr Platz war? Und Filou, ihr kleiner, braungescheckter Terrier war auch wieder mit von der Partie. Er tänzelte kläffend um die Bank, um anschließend auf dem Rasenstück sein Geschäft zu verrichten. „Nein Filou, lass das!“ zetert Frau Kohlbacher und reißt an der Leine. „Ach, er will einfach nicht auf mich hören. Das wollte er noch nie. Genau wie mein Mann“. „Ich hoffe ihr Mann benutzt die Toilette“, kann er noch denken, bevor sie ihm auch schon ein Hustenbonbon unter die Nase hält. „Nehmen Sie ruhig, ich kann es eh nicht gebrauchen“. Er steckt es in seine Manteltasche. Es würde Zuhause zu den anderen 20 Bonbons in die hässliche Katzenschale kommen, die er letztes Jahr von seiner Patentante zum 32. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Eines von vielen hässlichen Geschenken für das er sich bei seiner Tante aber immer brav bedankte. Und beim Auspacken spielte er ihr sogar einen freudigen Gesichtsausdruck vor. Das musste als Zuneigung reichen. Für eine Tante, die, ohne zu zögern, in ein italienisches Feinkostgeschäft geht, um Monzarella zu kaufen und ihn, trotz seiner 32 Jahre, überall als ihr Patenkind vorstellt – ob im Damenbekleidungsgeschäft oder im Reformhaus. Was tat man nicht alles, um niemandem vor den Kopf zu stoßen? Zu viel. Jedenfalls er. Frau Kohlbacher neben ihm beginnt an ihrer Handtasche zu nesteln. „Oh nein, nicht noch mehr Bonbons!“ Doch stattdessen holt sie einen Brief aus der Tasche. „Der ist von meinem Egon, wispert Frau Kohlbacher. Letzte Woche hat er ihn mir gegeben.“ Eine Träne bahnt sich den Weg über die Falten ihres Gesichts, um anschließend von ihrer geblümten Bluse aufgesaugt zu werden. „Betrogen hat er mich. Belogen und betrogen. Zwei Jahre lang. Und ich habe nichts gemerkt. Oder nein. Ich wollte nichts merken. Da waren immer mal wieder Anzeichen, aber ich habe sie mit rationalen Argumenten weggewischt und so getan als wäre alles in Ordnung.“ Frau Kohlbachers Stimme klingt tieftraurig und wird dann verächtlich. „Er könne das nicht mehr mit sich herum tragen, er wolle es nicht mit ins Grab nehmen. Pahh, der Feigling.“ Was sollte er dazu sagen. Gab es das nicht ständig, dass Partner sich betrogen und belogen. Sollte das nicht sogar Frau Kohlbacher wissen? Er bleibt stumm. Ein Kuckuck ruft in die Stille hinein. Filou der Terrier antwortet mit einem Kläffen. „Und doch waren all die schönen Momente zu zweit real. Und auch die Gefühle waren echt. Daran können auch Lug und Betrug nichts ändern. Aber wehe wir sehen uns wieder, dann setzt es einige Ohrfeigen, bevor ich ihn in meine Arme schließe!“ Mit diesen inbrünstigen Worten verschwindet Hilde Kohlbacher so plötzlich wie sie gekommen ist.

Es ist Zeit weiterzugehen, gleich ist die Mittagspause um. Bis zur großen Eiche noch, dann würde er umkehren. Sein Handy blinkt. Er hat eine SMS von seiner Freundin bekommen. Eine lange, in der sie sich mit unschönen Worten über ihren Chef beschwert, der es nicht einmal schafft, selber etwas zu kopieren. Gerade als er das Wort „Vollkackchef“ liest, stolpert er über einen Randstein. „Immer langsam mit den jungen Pferden“, tönt es ihm entgegen. Ein Mann zupft Unkraut aus dem schlammigen Boden. Eine stattliche Erscheinung: Bundfaltenhose, Maßhemd, Cord-Jacket und ein goldener Siegelring, der frisch geputzt aussieht. „Darf ich mich vorstellen. Schnarchendorff, Wilhelm Schnarchendorff“. „Angenehm“, stammelt er und ergreift die klamme Hand seines Gegenübers. „Ich sehe Sie hier öfter. Aber immer allein. Sie haben wohl keine Freunde!“ Ein schallendes Lachen erklingt zusammen mit der Aussage. „Ähm nein, doch ja. Ich…ich bin nur in meiner Mittagspause hier.“ Keine Freunde. Stimmte das? Da waren Benjamin und Matthias von früher aus der Schule. Sie trafen sich ab und zu und dann war es auch wieder so als wäre es früher, als sie zusammen über alles lachen konnten, wenn auch manchmal erst nach zwei, drei Bier. Und dann gabs da noch ein Paar mit dem er und seine Freundin öfter etwas unternahmen, aber ist man dadurch befreundet? Freunde sind da, wenn es einem schlecht geht. Sie kann man um Hilfe bitten, mit ihnen kann man Probleme bereden. So war es jedenfalls damals in der Jugend. Aber heute? Da macht man das eher mit seinem Partner. Doch was, wenn man mit dem Partner Probleme hat? Ein lautes Fluchen schreckt ihn aus seinen Gedanken. Herr Schnarchendorff hat anscheinend das Gleichgewicht verloren und ist beim Versuch nicht hinzufallen in die Primeln getreten, deren Blüten jetzt völlig zerquetscht sind. „Wenn meine Frau das sieht, die zieht mir die Ohren lang. Ja ja, es stimmt schon was man sagt: Gott prüfet die seinen in der Kelter des Lebens.“

Beim Weggehen geht ihm dieser Spruch nicht mehr aus dem Kopf und auch die daraus folgende Erkenntnis: „Dann müsste ich schon ein Spitzenwein sein.“ Den Ausgang schon in Sichtweite, bleibt er kurzerhand stehen. War da nicht gerade ein Knacken im Gebüsch? Er geht näher heran und entdeckt eine junge Frau, die im Rhododendron kniet und einen Coffee-to-go-Becher aufhebt. Ihre Haare sind dünn und strähnig, sie trägt einen schwarzen Rock und ausgelatschte Schuhe. Zuerst will er weitergehen, doch dann entschließt er sich, die Frau anzusprechen. „Entschuldigung, kann ich Ihnen helfen? Haben Sie etwas verloren?“ Doch bevor er eine Antwort bekommt, sieht er es schon selber. Neben der jungen Frau liegt eine Plastiktüte voll mit Müll. „Nein, ich sammle nur den Müll auf.“ „Sind Sie von der Stadtreinigung?“ Die Frau lacht laut auf. „Ich von der Stadtreinigung? Nein, das ist zwar meine Arbeit, aber bei der Stadt bin ich nicht angestellt.“ „Achso, dann sind Sie von der Friedhofsverwaltung?“ Die Frau kann kaum aufhören zu lachen und presst hervor: „Auch das nicht. Aber mir ist immer so furchtbar langweilig und damit ich etwas Sinnvolles tun kann, sammel ich eben den Müll auf. So einfach ist das. Das habe ich schon immer gemacht, bis dieser LKW um die Ecke kam… .“ Etwas Sinnvolles. Das würde er auch gerne tun, aber gab es das wirklich? War Müll aufsammeln sinnvoll? Es kam doch ständig neuer dazu. Sisyphos kommt ihm in den Sinn. Doch bevor er die Unterhaltung über griechische Sagen mit der jungen Frau beginnen kann, ist sie auch schon im nächsten Gebüsch verschwunden. Als er gerade durch den Ausgang gehen will, kommen ihm drei Frauen mit Kinderwagen entgegen. Ein komisches Bild denkt er: Soviel neugeborenes Leben auf einem Friedhof!

5. Februar 2016

Wetterleuchten im Roussillon



Philippe Georget: Wetterleuchten im Roussillon – Ein neuer Fall für Inspecteur Sebag


Während im ersten Buch die Hitze Perpignan noch fest im Griff hatte, zeigt jetzt die Tramontana ihr ungemütliches Gesicht. Inspecteur Sebag ermittelt deshalb meist mit hochgeschlagenem Mantelkragen, auch wenn ihn seine brennende Eifersucht eigentlich wärmen müsste.

Ein alter Mann wird erschossen in seiner Wohnung aufgefunden. Raubmord - ist der erste Gedanke der Ermittler. Doch da haben sie noch nicht die drei großen, an die Wand gemalten Buchstaben entdeckt: OAS. Die „Organisation de l’Armée Secrète“ war eine französische Untergrundbewegung während der Endphase des Algerienkriegs (1954-1962). Sie bekämpfte muslimische Algerier, die die Unabhängigkeit anstrebten, aber auch den französischen Staat. Sollte das Mordmotiv so weit in die Vergangenheit reichen? Dann müsste der Mörder schon um die 70 Jahre alt sein. Ein mordender Greis, das kann sich Gilles Sebags stets hungriger Kollege Jacques Molina kaum vorstellen. Doch die Möglichkeit, dass ein politisches Motiv hinter dem Mord steckt, beunruhigt nicht nur die beiden Inspecteurs. Und bei dem einen Mord soll es auch nicht lange bleiben. Seine Ermittlungen führen Gilles in die Gemeinschaft der Algerienfranzosen in Perpignan. Eine eingeschworene Gemeinschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, nicht vergessen zu werden. Doch das macht sie auch misstrauisch und verschwiegen und die Ermittlungen dadurch nicht gerade einfacher. Doch das ist nicht die einzige Sorge des Inspecteurs. Er hat seiner Tochter Severine versprochen, im Fall ihres mit dem Mofa verunglückten Freundes Matthieu, nachzuforschen. Verstrickt in zwei Fälle und mit bitteren Gedanken daran, dass seine Ehefrau Claire ihn wahrscheinlich betrogen hat, verliert Sebag wichtige Details aus den Augen. Bis er erkennt, dass Matthieus Unfall und die Morde etwas gemeinsam haben.

Erlesener Kaffee und ausgeprägte Intuition, damit verbindet man Inspecteur Gilles Sebag auch in seinem zweiten Fall. Die historische Komponente des Falls nimmt nicht zu viel Platz ein und schmiegt sich wunderbar zwischen die Kapitel, die in der Gegenwart spielen. Wer die OAS vorher nicht kannte, lernt sie jetzt ein bisschen kennen. Das macht das Buch zu einem interessanten Lesevergnügen. Und obwohl der Leser viel über den Mörder erfährt, bleibt sein Motiv lange Zeit im Dunkeln. Das hält die Spannung konstant aufrecht. Doch auch das Privatleben des Inspecteurs bietet erneut Abwechslung: Eifersucht hat von Gilles Besitz ergriffen. Doch er versucht sich gegen dieses Gefühl so gut es geht zu wehren. Philippe Georget gelingt es nicht nur einen spannenden Fall zu erzählen, sondern auch die Gefühlslage des Inspecteurs außerordentlich gut zu beschreiben. Dabei wirkt es aber nie übertrieben oder unverständlich. Ein Roman für Leser mit Freude an Spannung und Gefühl.

28. Juli 2015

Brief an...Peter Lustig

Lieber Peter Lustig,

du wohnst schon einige Jahre nicht mehr in deinem blauen Bauwagen. Dein Nachmieter Fritz Fuchs hält aber alles in Ordnung, du musst dir keine Sorgen machen. Hast du dir eigentlich jemals Sorgen gemacht? Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nur, du hast dir immer Gedanken gemacht: Darüber wie etwas funktioniert, wo etwas herkommt, was man damit machen kann. Dir war nichts egal, nichts gleichgültig. Hinter allem hast du eine spannende Geschichte entdeckt. Und wenn dich deine Neugier gepackt hat, hast du alles unternommen, um sie zu stillen. Das hat dich immer in erlebnisreiche Situationen gebracht. Du hast Dinosaurierknochen im Museum erkundet, auf einem Vulkan Kaffee gekocht und Spiegeleier gebraten und dich in so manchem Labor herumgetrieben. Dabei sind dir immer gute Ideen gekommen, die du dann in deinem Garten sitzend in die Tat umgesetzt hast. Manches ist auch schief gegangen oder dein trotteliger Nachbar kam dir in die Quere, aber am Ende warst du doch immer zufrieden, auch wenn ein anderes Ergebnis als geplant herauskam. Dein Leben wirkte so einfach. Einfach im Sinne von: mit wenig an Materiellem auskommen und im Sinne von: problemlos. Du hast nicht gearbeitet. Warst du schon Rentner? Man weiß es nicht. Doch brauchtest du überhaupt Geld? Der Wohnwagen gehörte dir, das Grundstück auf dem er steht auch. Du brauchtest nichts, außer etwas zum Essen und Basteln. Du hattest Bücher, Sonne und warst immer unterwegs. Und du warst glücklich. So schien es jedenfalls immer. Glücklich immer etwas Neues entdecken zu können.
Das wünsche ich mir auch für mich. Eine Neugier, die mich so beschäftigt, dass ich alles um mich herum vergesse. Geheimnisse, denen ich auf die Spur kommen kann, seien sie auch noch so klein. Deshalb werde ich mir jetzt als erstes eine Latzhose kaufen!


Foto: falco/pixabay.com


15. Juni 2015

Bin ich Charlie?

Je suis Charlie – oder auch nicht


Der grausame Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo ist nun fünf Monate her. Vereinzelt sieht man noch die schwarzen Schilder mit der weißen Aufschrift „Je suis Charlie“ - auch in Deutschland. Der große Schreck hat sich gelegt, doch Frankreich wurde in seinen Grundfesten erschüttert. Die Fragen: Wie konnte es dazu kommen? Wie kann man solche schrecklichen Ereignisse verhindern? bleiben. 

Foto: jackmac34/pixabay.com


Im Kampf gegen religiösen Fundamentalismus sollen in Frankreich nun die Schulen eine entscheidende Rolle spielen. Wenn es nach François Hollande geht „soll die Schule zu einem Refugium für Höflichkeit, Freundlichkeit und Respekt werden“. Helfen sollen dabei verschiedene Maßnahmen, z. B. die Wiedereinführung von Riten und Symbolen:

  • Das Tragen einer Schuluniform
  • Das Anbringen der Nationalfahne und Europaflagge an den Fassaden öffentlicher und privater Schulen
  • Das Aufhängen der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte im Schulgebäude
  • Die feierliche Verleihung von Urkunden zum bestandenen baccalauréat* oder brevet*
  • Das gemeinsame Singen der Nationalhymne zu feierlichen Anlässen 

Doch was genau soll damit bezweckt werden? Wenn es nach den Politikern der französischen Regierung geht, soll den Schülern so das Bewusstsein vermittelt werden, dass die Schule ein republikanischer und geschützter Ort ist. Die Verleihung von Urkunden als besondere Auszeichnung soll zudem das Gefühl von Zusammengehörigkeit schaffen. Die Einführung einer obligatorischen Staatsbürgerkunde in allen Klassen wurde für September 2015 bereits beschlossen. Damit auch die Lehrer fit sind, um mit den Schülern Fragen zu Staatsbürgerschaft und Laizismus zu diskutieren, wurde bereits ein Fortbildungsplan aufgestellt.

Sozialfall gleich Extremist?


Die Charlie Hebdo - Attentäter Saïd und Chérif Kouachi sind beide in Frankreich geboren und wurden zu islamistischen Terroristen. Als Gründe für ihre Radikalisierung werden vor allem ihre sozialen Probleme genannt: Heimaufenthalt nach dem Tod der Mutter, Gelegenheitsjobs, Obdachlosigkeit. 2006 befand sich Chérif Kouachi im Gefängnis Fleury-Mérogis in Untersuchungshaft, wo er sich einer Gruppe von Salafisten anschloss. Wären die Beiden nicht zu Terroristen geworden, wenn sie sich zur französischen Gesellschaft zugehörig gefühlt hätten und von ihr unterstützt worden wären? 

Von der Gesellschaft abgetrennt


"Ich fühle mich von Frankreich total abgeschnitten". Diese Aussage stammt von einem 15-Jährigen, der in Clichy-sous-Bois, einem Vorort von Paris (in dem die Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen fast 35 Prozent beträgt (2011)), lebt. An diesem Statement wird deutlich wie ausgeschlossen sich Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen fühlen. Umso verständlicher wird es, wenn man hört, dass der Teenager seinen Wohnort letztes Jahr nur zwei Mal verlassen hat. Auch Sozialarbeiter, die in diesen Vororten arbeiten, bestätigen: "Die Menschen hier sehen keine Lösung – sie fühlen sich komplett abgeschnitten vom Rest der Gesellschaft." Wenn sich die Menschen fühlen als würden sie in einem ganz anderen Land leben, fernab von sozialen und ökonomischen Vorteilen, ist es nicht verwunderlich, wenn einige von ihnen vom Extremismus angezogen werden. Die Direktorin einer gemeinnützigen Organisation fasst es so zusammen: "Viele der Leute hier glauben nur noch an ihre eigenen Werte, die der Republik haben für sie keinen Wert."
Sie fühlen sich verlassen von einem System, das Einigkeit und Solidarität predigt, diese aber nicht lebt.

Foto: Hochhaus in Frankreich/karosieben/pixabay.com


Probleme der Vergangenheit


Können die geplanten Maßnahmen diesem Gefühl von „Isolation“ entgegenwirken? In der Schule etwas gelehrt zu bekommen, das man im täglichen Leben weder erlebt noch fühlt, könnte eher zu noch größeren Spannungen führen. Haben sich auch die Brüder Kouachi isoliert gefühlt? Ein Absolvent der Eliteuniversität Sciences-Po Paris mit algerischen Wurzeln sieht im Falle der Brüder Kouachi eine zusätzliche Ursache: „Die Kouachi-Brüder wollten nicht die Ehre des Propheten Mohammed rächen, sondern sie wollten sich rächen für die Situation ihrer Eltern in Frankreich und auch für die Geschichte ihrer algerischen Vorfahren“. In diesem Fall hätten die geplanten Maßnahmen auch nicht geholfen.

Wie sieht es in Deutschland aus? Wären solche Maßnahmen bei uns sinnvoll?

*baccalauréat: Entspricht unserem deutschen Abitur
*brevet: Abschlusszeugnis, das nach 9 Jahren Schulpflicht auf dem Collège erlangt wird.

26. Mai 2015

Round-Kick gegen glyphosathaltige Pestizide

Glyphosathaltige Pestizide – Schädlich für Flora, Fauna und den Menschen

 

Foto: Pestizidanwendung im Reisfeld/wuzefe/pixabay.com

Die WHO hat Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft. Die Chemikalie ist in vielen Unkrautvernichtungsmitteln enthalten, die in Garten- und Baumärkten für jeden „Gartenfreund“ käuflich zu erwerben sind. Bei meinem letzten Besuch in einem Hoeren-Gartencenter in Bottrop fiel mir dort die große Auswahl an Pestiziden auf – allen voran das glyphosathaltige „Roundup“

Allein in Deutschland gibt es 92 Produkte, die Glyphosat enthalten. Als wäre der exzessive Gebrauch des Pestizids in der konventionellen Landwirtschaft nicht schon genug, kann jeder Hobbygärtner damit die so ungeliebten „Unkräuter“ vernichten, die das Bild des perfekten Gartens zerstören.
Wohin das führt zeigen Angaben der WHO, nach denen Glyphosat bereits in Lebensmitteln, im Wasser und in der Luft gefunden wurde.

Die toom-Baumärkte haben bereits reagiert und nehmen Pestizide, die den Wirkstoff enthalten bis Ende September 2015 aus dem Sortiment. Auch Schweizer Unternehmen gehen diesen Weg: Die Handelsketten Migros und Coop nehmen Glyphosat aus ihren Läden. Doch reicht das bei Weitem nicht. Deshalb habe ich heute die Hoeren Gartencenter GmbH per Email gebeten, glyphosathaltige Pestizide aus dem Sortiment zu verbannen. Wenn auch Ihnen in Gartencentern oder Baumärkten solche Mittel auffallen, scheuen Sie sich nicht und fordern Sie die Unternehmen auf verantwortungsvoll zu handeln und diese Pestizide nicht mehr zu verkaufen.
Für die Flora, die Fauna und die Menschen!

Nachtrag: Das von mir erwähnte Gartencenter hat bereits auf meine E-Mail geantwortet und mir mitgeteilt, dass sie glyphosathaltige Pestizide bis Mitte - Ende des Jahres komplett aus dem Sortiment nehmen. 

28. April 2015

Workers’ Memorial Day

Glosse

 Arbeit ist das ganze Leben

„In einer Welt, in der man nur noch lebt, damit man täglich roboten geht...“ sangen die Toten Hosen 1988, als sie noch keine Schmuseband à la Pur waren. Hat sich in den folgenden 27 Jahren etwas verändert?

Foto: JoaquinAranoa/pixabay.de
Nein. Es ist nur noch schlimmer geworden. Denn täglich heißt für manche Arbeitnehmer mittlerweile Montag bis Sonntag. Und wer sonntags nicht hinter der Theke steht und Brötchen verkauft, schaut vielleicht doch mal kurz im Smartphone die Arbeitsemails nach und geht trotzdem ans Telefon, obwohl der Chef an einem Samstagabend anruft. Arbeit ist alles in unserer Gesellschaft.
Die Deutschen arbeiteten 2013 durchschnittlich 40,4 Stunden pro Woche. Fast drei Stunden mehr als sie müssten. Und warum? Gibt es zu viel Arbeit für zu wenig Menschen? Angesichts der Arbeitslosenzahlen wohl kaum. Haben die Leute keine Lust auf Freizeit? Kaum zu glauben.
Doch wer Arbeit hat und mehr leistet als gefordert, der kann sich in der Anerkennung anderer sonnen bis er krebsrot wird. Wer Leistung bringt, wird geliebt. Wer faulenzt, wird geächtet. So einfach ist das. Doch woher kommt das? Wieso werden wir nicht dafür gelobt, wenn wir schonend mit unseren Ressourcen umgehen und lieber im Wald spazieren gehen, als vor lauter Arbeit den Wald nicht mehr zu sehen? Ehrlich gesagt: ich habe keinen blassen Schimmer. Ich verstehe sie nicht, diese Arbeitsroboter, die sich krumm machen, um vom Chef mit einem Lächeln bedacht zu werden. Überstunden? „Ach, die mach ich doch gerne.“, „Das muss halt sein“, „Sonst läuft der Laden nicht richtig“. Solche Sätze sind keine Seltenheit, auch weil sie mit wohlwollendem Nicken bedacht werden. Was würde passieren, wenn die buckelnde Bevölkerung Sätze zu hören bekäme wie:
„Du bist doch verrückt“ oder „Wie kann man nur so dämlich sein“? Da würden sie mit Sicherheit ganz schön dumm aus der Wäsche schauen. Einen Versuch wäre es wert, nächstes Mal, wenn der Schwager mit wehender Krawatte von der Arbeit zur Geburtstagsfeier hechtet und sich keuchend mit dringenden Telefonaten als Grund für das Zuspätkommen entschuldigt. Und vom Geburtstagskuchen bekommt er dann auch nichts mehr!

Am 28. April ist Worker's Memorial Day: Der internationale Tag des Gedenkens an Lohnarbeiter, die aufgrund von Arbeit erkrankt sind, verletzt oder getötet wurden.